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Die Arche-Typen

Der Architekt Olle Lundberg und seine Frau Mary Breuer leben in zwei skurrilen Welten: Montags bis freitags wohnen sie auf einem umgebauten ehemaligen Fährschiff im Hafen von San Francisco, am Wochenende entspannen sie sich in den Bergen von Sonoma County – in einem Haus, das Lundberg aus Resten seiner Projekte zusammengebaut hat. Eine Besuchsreise

von Marc Heldens , Fotos von Mark Seelen

Es ist eine Szenerie wie aus „On the Waterfront“ („Faust im Nacken“), dem Film von Elia Kazan, für den Marlon Brando seinen ersten Oscar bekam – nur dass „On the Waterfront“ an der entgegengesetzten amerikanischen Küs­te spielte, in New Jersey. Feuchter Nebel hängt an diesem frühen Morgen zwischen den Lagerhäusern des Hafens von San Francisco, nur verschwommen sieht man die Silhouetten der riesigen Frachter und mächtigen Verladekräne. An Pier 54 soll die „Maritol“ liegen, eine 1975 in Norwe­gen vom Stapel gelaufene Fähre, die früher mal Menschen und Autos entlang der is­ländischen Fjordküste transportiert hat; kurz vor der Jahrtausendwende wurde sie außer Dienst gestellt und dümpelte in ei­nem isländischen Hafen vor sich hin. Hät­te der in Schweden geborene und damals bereits in San Francisco lebende Architekt Olle Lundberg die „Maritol“ nicht im Jahr 2001 auf einer Webseite für ausrangierte Schiffe gefunden, sie wäre vermutlich längst verschrottet worden.

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Heute ist das Fährschiff für Lundberg und seine Frau Mary Breuer zugleich Büro und Wohnung. Unter der Woche, denn am Wochenende fahren die beiden die zwei Stunden nach Norden, raus in die Creeks von Sonoma County. Dort haben sie in dem verschlafenen Städtchen Cazadero, dem angeblich zweitverregnesten Ort Ka­liforniens, ein Häuschen zum Entspannen gebaut. Wobei Häuschen, wie sich später herausstellen wird, schon eine arge Untertreibung ist.

Nur ein paar Fahrräder und Pflanzenkübel und ein Brief­kasten deuten auf dem Pier 54 darauf hin, dass auf dem weißen Pott, der dort festge­macht ist, tatsächlich Menschen wohnen. Olle Lundberg und Mary Breuer, die eine Personalvermittlungsagentur leitet, hatten ursprünglich bloß in ein Loft in Hafen­nähe ziehen wollen. Zwar gab es einige leerstehende Industriekomplexe, aber die gehörten immer schon irgendwelchen In­vestoren, die sie sanieren und dann als fer­tige Luxusimmobilie mit Industriecharme weiterverkaufen wollten. Uninteressant für einen Architekten wie Olle Lindberg. Dann kam er auf die Idee: Wenn schon Ha­fen, warum dann nicht gleich ein Schiff als Loft­-Ersatz? Auf der Internetseite für ausgemuster­te Schiffe stand, dass der skandinavische Eigner noch 260.000 Dollar für die 450 Tonnen schwere Rostlaube haben wollte. Lundberg und Breuer flogen nach Island, kauften die Fähre kurzerhand und heuer­ten eine lokale Crew an, die das Schiff nach San Francisco schipperte. Die Über­fahrt über den Atlantik und durch den Pa­namakanal dauerte sieben Wochen, eine Reise von siebentausend Seemeilen. „Die isländischen Seeleute fühlten sich wie coo­le Wikinger, die eine neue Welt erobern“, sagt Olle Lundberg, der an diesem nebli­gen Morgen den Hausbesuch gutgelaunt an Bord begrüßt.

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Nach Ankunft der Fähre in San Fran­cisco begannen die komplexen Renovie­rungsarbeiten. Olle und Mary investierten weitere 600.000 Dollar in den Außenan­strich, die Erneuerung des Motors und den Austausch der Stromleitungen und Was­serrohre, um ein perfektes Fähren-­Loft da­raus zu machen, in dem man wohnen und arbeiten kann. Die „Maritol“ ist in vielerlei Hinsicht eine Fähre geblieben. Überall auf dem Schiff riecht es weiterhin nach Öl und Die­sel. Viele maritime Details erinnern an die Geschichte des Schiffs: Fenster, Notleuch­ten, Antirutschprofile auf dem Boden, sichtbar verlaufende Stromkabel, kleine Stufen an den Türen. Die deutlichsten Hin­weise auf die Vergangenheit des Schiffs sind jedoch die Schildchen in norwegi­scher Sprache, die überall die einstigen Funktionen der Räume und Dinge mar­kierten: björgunarvesti, utgang, mannskapmesse, ofisers messe, kiosk, stuert, maskinist. Übersetzt: Rettungsring, Ausgang, Mannschaftsmesse, Offiziersmesse, Werk­statt, Kabine des Quartiermeisters, Kabine des Maschinisten. Die mannskapmesse ist heute ein Abstellraum für Gepäck, die ehemalige Werkstatt eine zweite Küche, und die übrigen Räume dienen als begeh­bare Schränke für Kleidung und Schuhe. Die ehemaligen Betten und Schränke wer­den benutzt, um dort Kleidung aufzuhän­gen oder Schuhe abzustellen, an Wasser­hähnen hängen Ketten und Armbänder. Nur der Waschraum der Mannschaft und die kleine Schiffskombüse, die bysse, sind noch im Originalzustand. Mary und Olle nutzen sie in ihren alten Funktionen, zum Kochen und Baden. Die „Maritol“ hat vier Toiletten, zwei für damer und zwei für her­rer, noch ganz so wie zu ihrer Dienstzeit. Nur dass die Toiletten jetzt nur noch von zwei Personen genutzt werden, Mary Breuer und Olle Lundberg.

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Vier Decks hat das Schiff, lower, main, mid, upper. Der Essbe­reich ist auf dem Hauptdeck, gerade unterhalb des Wasser­spiegels, wo einst die Mann­schaftsräume waren. Noch bevor die Fäh­re in Island in See stach, ließ Lundberg ein großes Loch in das Mitteldeck reißen, dort, wo früher die Autos standen. So bekam er Tageslicht in das Innere des Schiffs. Nun steht unterm so entstandenen Atrium ein Esstisch, vier Meter lang und aus massivem Zypressenholz. Der Tisch ist ein Über­bleibsel von einem Projekt Lundbergs, der Innengestaltung des „The Slanted Door“, einem der angesagtesten Restaurants von San Francisco. Diese Art von Recycling hat Olle Lundberg zum Prinzip erhoben bei seinen beiden Privatwohnstätten: Was Auftraggeber nicht wollten oder schlicht übrigblieb an Material, hat er stets gehortet – und später selbst verbaut. Die Umnutzung der früheren Transportflächen der „Ma­ritol“ ist zum Teil skurril: Das Mitteldeck wird jetzt vor allem als Fitnessraum benutzt, hinter einem großen weißen Vor­hang stehen ein paar Sportgeräte. Und an der Rückseite des Schiffs wurde eine elek­trische Garagentür angebracht; an sonni­gen Tagen öffnen Lundberg und Breuer die Rückwand, um auf der so entstehen­den zweiten Terrasse Mittag zu essen. Das Oberdeck hat natürlich die meiste Sonne. Von hier aus hat man einen perfekten Blick auf den geschäftigen Hafen von San Francisco, und doch sind Seemöwen und Robben die einzigen ständigen Nachbarn.

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Lundberg und Breuer haben beim Umbau nicht versucht, die einstige Nut­zung der Fähre und ihren etwas grobschlächtigen Charme zu verstecken und durch Design zu ersetzen: Überall sieht man die ursprünglichen weißen Stahlwän­de und den rotbraunen Fußboden. „Im klassischen Sinne ist das nicht wirklich ein schönes Zuhause“, sagt Mary Breuer, „überall sind Rostflecken, aber das Schiff erfüllt für uns perfekt seinen Zweck: Wir sind nah am Stadtzentrum von San Fran­cisco, und eigentlich herrscht hier überra­schenderweise fast immer absolute Ruhe – nur wenn die Giants spielen, ist das ein bisschen anders.“ Das Baseball­-Stadion der San Francisco Giants liegt ganz in der Nähe. Olle Lundberg muss über die Bemer­kung seiner Frau schmunzeln: „Meine männlichen Freunde finden es hier opti­mal – so nah am Stadion und auch noch auf einem Schiff zu wohnen! Sie sind alle sehr neidisch und fragen mich dauernd: Wo findet man so eine Frau, die das alles mitmacht?“ Mary Breuer verdreht die Au­gen. „Du wusstest das, als du mich geheira­tet hast“, scherzt Lundberg und mahnt zum Aufbruch. Es soll noch rausgehen nach Cazadero, ins Wochenendhaus. Lundberg steuert seinen schwarzen CMG­-Jeep vom Hafen durch die Straßen von San Francisco, es geht nach Norden, über die Golden Gate Bridge. Der Weg führt zunächst durch die hügelige Land­schaft von Marin County, links und rechts der Straße sieht man große Farmhäuser mit breiten Auffahrten und weißen Zäunen. In Two Rock Valley und Tomales ändert sich das Bild, nun sind die Straßen gesäumt von den rotbraunen, hellblauen und gelben Farmhäusern der Pferdezüchter. Es geht nun näher an der Pazifikküste entlang, vor­ bei an Forellen­ und Austernzuchtfarmen. Lundberg streift Bodega Bay, den Ort, an dem Hitchcock „Die Vögel“ gedreht hat; von der Straße aus kann man die Dächer der Schule und der Kirche sehen, wo Tippi Hedren im Film von schwarzen Krähen at­tackiert wurde.

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Das Wetter verschlechtert sich, es be­ginnt zu regnen. Dies macht die Fahrt entlang der Sonoma­Küste noch beeindru­ckender, die Wellen schlagen an die Klip­pen von Shell Beach, Carnet Beach und Miwok Beach – die Surfer sind an diesem Morgen lieber zuhause geblieben. Nach­dem der Russian River passiert ist, biegt Lundberg in die Sea View Road ein, und wie aus dem Nichts taucht plötzlich das Wochenendhaus von Mary Breuer und Olle Lundberg auf. Am Horizont steigt Nebel auf, der die ganze Szene in einen Grauschleier hüllt. Die Hunde Chili und Carny suchen Schutz und sind als Erste im Haus. Während Breuer den Kamin mit Holzscheiten befüllt, er ist die einzige Hei­zung des Hauses, zeigt Lundberg das Haus und das umliegende Grundstück. Draußen gibt es einen Gemüsegarten mit frischen Kräutern, links daneben ist ein großes grünes Zelt aufgestellt, in dem dieser Wo­chenendbesuch übernachten kann. Das Zelt steht auf einer Holzplattform, davor sind weiße Designerstühle von Richard Schultz platziert. Neben dem Haus wiede­rum ist ein kleiner Swimmingpool, in den hinein Chili und Carny nun tollkühne Sprünge vollführen. Angesichts des regne­rischen Wetters beschließen die Menschen, es den Hunden nicht nachzutun.

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Vom Rand der Terrasse aus hat man einen großartigen Blick über die Hügel von Cazadero. Hinterm Nebel erahnt man den Pazifischen Ozean und schöne Strände, aber im Augenblick ist alles in dunstiges Grau getaucht. Vor neun Jahren haben Breuer und Lundberg diesen Platz über eine Anzeige in einer lokalen Zeitung ge­funden, es wurde ein sechs Hektar großes Grundstück angeboten – eigentlich zu groß für Leute, die bloß ein kleine Bleibe fürs Wochenende suchen, und das Haus war baufällig. Lundberg und Breuer waren die ersten Interessenten, die sich meldeten, und sie blieben die einzigen. Das Haus rissen sie einfach ab und begannen, ein neues auf den Fundamenten des alten zu errichten. Und zwar eigenhändig, Wochenende für Wochenende. Bis zumindest das Dach mal fertig war, schlief das Ehepaar in ei­nem Zelt, das es im zukünftigen Wohnzim­mer des Hauses aufgeschlagen hatte. Gele­gentlich immerhin halfen Freunde und Mitarbeiter von Lundbergs Architekten­büros, er lockte sie mit Einladungen zum Mittagessen oder Grillen hierher. Doch vorher mussten sie erst mal schuften. Vor vier Jahren war das Haus dann endlich be­zugsfertig. Von außen wie von innen ist das Haus roh und funktionell ge­halten: Lundbergs Vorliebe für Industrie­-Ästhetik zeigt sich selbst in der Wochenendidylle. In der Küche hängen die Töpfe und Pfan­nen von der Decke, hier erkennt man auch gleich den industriellen Design-­Ansatz: eine Arbeitsfläche aus Metall, wie sie sonst in Industrieküchen eingebaut ist. Die Wände sind unverputzt, die Holzstruktur sollte sichtbar bleiben. Auch das Wohn­zimmer ist funktionell eingerichtet, fast schon aufreizend unspektakulär ist zum Beispiel das Ikea-­Sofa neben dem Metallofen.

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Mehr noch als auf der Wohnfähre im Hafen von San Francisco wird hier im Wochenendhaus Lundbergs Materialrecycling deutlich: Der Marmor im Badezimmer stammt von einer Empfangstheke für von ihm entworfene Büroräume, die Stahlfens­ter stammen aus fünf verschiedenen Archi­tekturprojekten. Auch viele der Möbel­stücke wurden eigentlich für Kunden entworfen, von denen aber erstaunlicher­weise für das jeweilige Projekt abgelehnt – und fanden so ihren Weg in das Wochen­endhaus. Der Kaffeetisch aus Aluminium war eigentlich für das „Diva“-­Hotel in San Francisco gedacht, der Beistelltisch aus Zypressenholz wie der große Esstisch auf der Fähre eigentlich für „The Slanted Door“. Zum Glück für die Einrichtung des Wochenendhauses konnte das Restaurant auch ohne den kleinen Tisch auskommen. Und der Swimmingpool im Garten war ur­sprünglich ein hölzerner Redwood­-Was­sertank von 7,5 Meter Durchmesser und 4 Metern Tiefe.

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Er stammt von der Ranch ei­ner Kundin von Olle Lundberg: „Ich habe ihr einen Entwurf für eine komplett neue Einrichtung ihres Landhauses gemacht, und dieser Wassertank vor der Tür störte sie. Sie wollte ihn abreißen, aber ich fand ihn toll. Er hat dieses unerwartete Flair von industrieller Funktionalität.“ Also schenkte die Frau ihm den Was­sertank. Erst wollte Lundberg den mit ei­nem Hubschrauber abholen lassen, was sich als etwas teure und recht unpraktika­ble Idee erwies. Also wurde er auseinan­dergenommen und per Lastwagen nach Cazadero transportiert, wo er wieder zu­sammengebaut wurde – eben als Pool. „Ich liebe es, Häuser abzureißen, zu bauen und zu renovieren“, sagt Olle Lundberg. In dem Punkt sei er eher Handwerker und Bild­hauer als Designer und Architekt. Und deshalb gibt es auch noch ein drittes „Ge­bäude“, das Olle Lundberg für sich umgestaltet hat und wo er arbeitet, wenn er nicht auf der Fähre über Entwurfsskizzen brütet: eine Werkstatt, die unweit des Piers steht, an dem die Wohnfähre festgemacht ist. Dort arbeitet ein Team von Designern, Metallarbeitern und Handwerkern an den konkreten Dingen, die sich Olle Lundberg sonst noch so ausdenkt, vom Möbelstück bis zur Türklinke.

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Doch die Werkstatt bleibt an diesem nebligen nordkali­fornischen Tag geschlossen. Für den Besuch wie fürs Designteam. Es ist Mittag geworden in Cazadero, Olle Lundberg und Mary Breuer streben nun in die Küche ih­res Wochenendhauses. Der Hausherr hatte schon morgens versprochen, es werde sein „berühmtes Lundberg-­Steak“ zum Lunch geben, das auch stets die Helfer zur Beloh­nung gebraten bekamen, wenn sie anstän­dig rangeklotzt hatten beim Hausbau hier oben. Während Mary Breuer sich um die Beilagen kümmert, beginnt Olle Lundberg das Fleisch zu marinieren, schickt den Be­such aber raus aus der Küche: Das Rezept ist streng geheim. Im Wohnzimmer liegen die Hunde des Hauses, Chili und Carny, vorm bollernden Ofen und lassen ihr von der Runde im Pool durchnässtes Fell trocknen. Und draußen lichtet sich über den Creeks von Sonoma County langsam der Nebel; das Blaue am Horizont, ganz weit im Westen, das muss der Pazifik sein.

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