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Das goldene Zeitalter des Wohnwagens ist angebrochen. Trailer, Camper, Caravan – es gibt viele Bezeichnungen für das Leben on the road, und es gibt mindestens genau so viele Modelle. Klein, kurz oder kariert, das Design des Wohnwagens ist offen wie seine Funktion.

 

Die Zeit, in der Horst Meier zusammen mit seiner Frau Inge auf blau-gelb-gestreiften Alu-Klappstühlen saß, ist noch gar nicht so lange her. Hinter ihnen stand der Wohnwagen, das Modell Dethleffs Campy, vor ihnen der Grill. Darauf brutzelten schon ab 10 Uhr die fettesten Bratwürste und die saftigsten Steaks, Molle und Korn waren noch vom Vorabend auf dem kleinen Zelttisch nebenan geparkt. Camping, ja das war mehr als nur Urlaub, es war die große Reise mit dem kleinen Zuhause im Gepäck. Und so sah es auch meist in den Wohnwagen aus: Häkeldeckchen, auf denen die Porzellan-Blumenvase ein Kunströschen barg, Gardinen an den Fenstern und der Teppich auf dem Boden. Genau genommen glich die Reise mit dem Wohnwagen einer Reise zurück in das eigene Leben, von dem man sich eigentlich für kurze Zeit mal verabschieden wollte. Die Trailer – die waren etwas für Spießer. Wer cool war und die Welt zu erobern gedachte, der fuhr, wenn schon denn schon, zelten.

 

Mit dem Wohnwagen-Klassiker „Schwalbennest” wurden ab 1961 die Urlaubsregionen Europas erobert.

In Deutschlands größter Touristenhochburg Berlin gibt es seit kurzem ein Hotel mit Outdoorcharme. Dort stehen die Betten in alten Camping-Hängern. Der „Hüttenpalast“ liegt zwischen den Stadtbezirken Kreuzberg und Neukölln, den Szenevierteln der Hauptstadt mit Multikultiflair und Nightlife. Die beiden Frauen Silke Lorenzen und Sarah Vollmer haben genau an dieser Grenze in einer alten Staubsaugerfabrik ihr Domizil eröffnet. Darin laden nun alte Wohnwagen-Modelle aus beiden Teilen Deutschlands zum Nächtigen ein. Der „Herzensbrecher“ ist ein renovierter Hänger der DDR-Marke Nagetusch, das „Schwalbennest“ ein Hotelhänger aus Westproduktion Marke Knaus und die „Kleine Schwester“ ein 70er-Jahre-Modell mit Namen „Queck Junior“. Was von außen als Wohnwagen zu erkennen ist, sieht innen aus wie ein verwunschenes Zimmer. Gebogene Holzdecken, warme Töne, Mosaiken. Die Chefinnen haben befreundete Künstler und Architekten gefunden, die ihnen halfen, die verrottete Innenausstattung zu erneuern und gleichzeitig zu verändern. Herausgekommen ist dabei ein modernes Interieur in Zirkuswagennostalgie.

 

 

 

Dieser Trend ist mittlerweile international zu erkennen: Der Wohnwagen erlebt eine Renaissance, und es macht Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Ob alte Wagen restauriert oder neue konstruiert werden, ob als Wohnhaus oder als Reiseoption – weltweit sind die unterschiedlichsten Modelle am Start. Manche begnügen sich einfach auf ihrem neu erworbenen Grundstück mit einem ausgedienten und ausrangierten Wohnwagen, andere erfinden und kreieren neue Versionen. Der Trailer hat seine Spießerrolle abgelegt, er ist ein Kind der neuen Zeit. Ganz nach dem Motto: Man bewegt sich frei und kennt trotzdem seine Grenzen, bietet der Wohnwagen gerade die richtige Möglichkeit für die Weile ohne Eile, für den selbst geschaffenen Platz und den unabhängigen Weg in den eigenen vier Wänden. Was einst ungemütlich und verschroben war, ist nun romantisch und autark.

 

 

 

„The Good Life” ist ein mobiles Kunstobjekt der Zukunft. Einerseits dient das aufgeklappte Wohnmobil der Inspiration und anderseits soll seine Entwicklung Teil eines Films werden.

Der holländische Künstler Kevin Van Braak hat sich einen Mercedes-Bus aus den 70ern umgebaut. Besser noch: Er hat ihn umfunktioniert. Er hat ihn oben und an den Seiten genau in der Mitte durchgeschnitten, die beiden so entstandenen Hälften kann man nun ausklappen. Der Bus wird damit zu einer Plattform – für Lesungen oder Konzerte. Letztes Jahr tourte er in dieser Rolle im Rahmen des Kulturhauptstadtprojekts Ruhr 2010 durch das Ruhrgebiet. Mittlerweile hat Kevin Van Braak ihm noch einen neuen Stil verpasst. Er hat die Ladeflächen mit Kunstrasen und Kitschblumen verziert. Eine Oase inmitten von Steinwüsten: „Mein Wohnwagen sieht von außen genau so aus wie alle anderen“, sagt er. „Wenn man ihn aber öffnet, offenbart er sich als ein künstlicher Garten, als Park oder als Campingplatz. In dem Wagen befinden sich ausgestopfte Tiere, Kunstgras, Seidenblumen und Bäume. Dazu habe ich eine Installation mit Vogelstimmen platziert und selbst einen Barbecue-Grill aufgestellt.“ Kevin Van Braak hat sich die Natur in die Stadt geholt, sein eigenes kleines Paradies auf vier Rädern geschaffen. Der Wohnwagen scheint nicht nur für ihn der geeignete Ort zu sein, um die eigenen Sehnsüchte darin zu verpacken. Alles, wofür man im Alltag keinen Platz hat, findet sich auch anderswo in diesem Raum wieder: Farbe, Kitsch und Nostalgie. Ob als eine Hommage an die Verflossene, an Star Wars oder Pippi Langstrumpf – die Wohnwagen werden zum Abbild von Wünschen und Träumen und zum Experimentierfeld der eigenen Fantasie. Man gibt ihnen Namen, streicht sie blau, pink oder silber, sie werden gestylt und gepflegt wie früher das Kuscheltier. Die Trailer bleiben oftmals nicht das Produkt, als das sie aus der Werkhalle kamen, sondern sie erhalten ein individuelles Aussehen. Jeder von ihnen ist ein Unikat.

 

 

 

Das Bedürfnis nach Häuslichkeit steigt im mobilen Bereich. Das Gefühl der eigenen vier Wände wird dem Mehrzeller-Kunden durch ein individuell abgestimmtes Design geboten.

„Als wir 1985 nach Europa kamen, kauften wir uns einen Volkswagen Camper“, erinnert sich der amerikanische Künstler Jay Nelson. „Meine Mutter war Lehrerin in Kunst und Mathe, sie bastelte den Zigarettenanzünder so zurecht, dass wir dort Fernsehen und Video einstöpseln konnten. Das war super cool, unser Fahrzeug war seiner Zeit weit voraus.“ Diese Kindheitserinnerung hat Nelson für seine eigenen Arbeiten inspiriert. Er baut multifunktionale Werke aus Fahrzeug und Wohnhaus in einem. So hat er etwa ein Honda-Moped mit einem Schneckenhaus aus Holz umrahmt, ein elektrisches Camping-Mobil. Darin ist sogar ein Fenster integriert und oben auf dem Dach ein Surfbrett angebracht. „The Golden Gate“ nannte er diese Konstruktion. Einem alten Honda-Civic, den er für 200 Dollar erwarb, baute er ebenfalls aus Holz ein „mobile home“ hinten an. Das Fahrzeug sieht jetzt aus wie ein kleines Segelboot mit einer Kajüte und zwei Bullaugen. Wenn er damit durch das Land fährt, wird er nicht selten angesprochen. „Wenn du dir ein Haus auf das Ende deines Autos baust, hat natürlich jeder auch eine Meinung dazu. Und das ist der Beginn von Konversation.“

 

 

 

Der „Wohnwagen Mehrzeller” hat eine neue Generation des mobilen Wohnens geschaffen.

Das dürfte auch dem Kanadier Kevin Cyr passiert sein, als er mit seinem selbst entworfenen Wohnmobil durch die Straßen seiner Heimat reiste. Bekannt geworden ist der Künstler eigentlich durch seine „Vehicles Serie“, in der er Planwagen, Wohnwagen, Autos und LKWs malte. Nur realistische Autos zu zeichnen, reichte ihm dann irgendwann nicht mehr aus und er kreierte sein eigenes Geschöpf: ein Camper-Bike. Das Model mit drei Rädern samt luxuriösem Anhänger ist der Vorbote der Zukunft und der Traum aller Grünen: Umweltbewusst durch Pedalantrieb. Noch handelt es sich bei dieser Konstruktion allerdings um ein Kunstobjekt, aber die Vorstellung davon ist faszinierend und verführt zum weiterträumen: Ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, flexibel und mobil, dank eigener Muskelkraft!

 

 Artikel aus QN18

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