Gesetzte Segel - Motion
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Gesetzte Segel

Die Amerikanerin Elizabeth Meyer hat vor einem Vierteljahrhundert eine der legendärsten Yachten der Segelsportgeschichte gerettet: Die „Endeavour“, die 1934 im America‘s Cup unterlag, vergammelte in einem Lager. Zum Glück gibt es mittlerweile Nachahmer – die Restaurierung von historischen Segelbooten boomt

von Steffi Kammerer , Fotos von Andrew Testa

Trinken will sie den Champagner nicht unbedingt, da ist ihr Bier lieber, so wie den Männern, die um sie herumstehen. Aber schütteln will sie den Champagner und im hohen Bogen aufs Boot spritzen. Endlich! „Viel Glück“, ruft sie. „Auf dich und dein zweites Leben!“ Und dann raus aus dem Hafenbecken von Newport und Jubel und Johlen: Kein Leck, das Schiff bewegt sich butterweich, wie gehofft.
Elizabeth Meyer steht lachend am Steuer, sie trägt ein T-Shirt des ehrwürdigen „New York Yacht Club“ zu ausgebeulten Jeans. Salzwasser und Wind haben ihre hellen Locken in ein wirres Nest verwandelt, das nun mit ihr auf- und abhüpft: „Fast 18 Knoten! Sie ist perfekt, perfekt, perfekt“, ruft Meyer und hält mal die Hupe gedrückt, mal die Hand ihres Mannes Michael, unter dessen Obhut das Boot in den letzten Jahren hergerichtet wurde. Am Vorabend erst haben sie am Heck den Namen angebracht, in goldenen Buchstaben: „Bystander“.
Es ist ein zwölf Meter langes Motorboot, dem man seine große Vergangenheit nicht mehr ansah, als es vor sechs Jahren auf einem Frachtschiff hier in Newport in Rhode Island ankam, auf die Reise geschickt vom australischen Verkäufer. 20.000 Arbeitsstunden später sieht die „Bystander“ wieder aus wie 1929, als Mike Vanderbilt sie bauen ließ, aus Teak und Mahagoni, Bronze und Messing.
So gefeiert wie an diesem Tag wurde sie nie, auch damals nicht – bisher spielte sie immer nur Nebenrollen, verhalf anderen zum Glanz. Sechsmal war sie Schleppboot im America‘s Cup, zog Schiffe, die Legenden wurden: „Enterprise“, „Rainbow“ und „Ranger“. Sie alle gehörten zur sogenannten J-Klasse, einer kleinen Gruppe großer Segelyachten, die zwischen 1930 und 1937 gebaut wurden, vier von ihnen in Großbritannien, sechs in den USA.

Und die eigentlich längst Geschichte wären, wenn Elizabeth Meyer nicht als kleines Mädchen mit Erzählungen über diese Yachten in den Schlaf geschaukelt worden wäre, von ihrer segelbegeisterten Mutter, die von deren Eleganz und Schnelligkeit schwärmte.
In Elizabeth setzte sich eine Sehnsucht fest, die sie nie wieder verließ. „Ich dachte immer nur: Ich wünschte, ich hätte gelebt, als es diese Schiffe noch gab. Ich habe immer zu meinen Freunden gesagt: Stellt euch mal vor, wie lang der Mast war, wie viele Stunden es dauern müsste, das Boot aufzutakeln.“ J-Boote sind für sie Kunstwerke, so wie die Brooklyn Bridge, die Pyramiden, der Eiffelturm.

Anfang der achtziger Jahre begann Elizabeth Meyer zu recherchieren. Von den ursprünglich zehn Yachten, so erfuhr sie, hatten drei überlebt: die „Shamrock V“, die „Endeavour“ und die „Velsheda“. Meyer arbeitete zu jener Zeit als Journalistin und überzeugte den Chefredakteur des Nautical Quarterly, sie nach Europa zu schicken, dort sollten die noch existierenden Boote irgendwo sein.

In Monaco fand Meyer die „Shamrock V“, den britischen Herausforderer im America‘s Cup von 1930. Der einst ideal proportionierten Yacht waren in den Jahrzehnten danach alle möglichen Aufbauten hinzugefügt worden. Meyer dachte beim Anblick der „Shamrock V“ nur: Gebt mir eine Kettensäge! Aber immerhin, die Yacht war seetüchtig.

Dann, an der britischen Küste, in einem ehemaligen Lager für Wasserflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg, fand Meyer das einst berühmteste Segelschiff der Welt: die 40 Meter lange „Endeavour“, der britische Herausforderer im America‘s Cup von 1934, konstruiert wie einst die „Shamrock V“ von Charles Nicholson und gebaut in der Traditionswerft Camper & Nicholsons in der Grafschaft Hampshire. Die „Endeavour“ war auch deshalb so legendär, weil ihre Niederlage gegen die amerikanische „Rainbow“ so umstritten war.

Meyer war wie hypnotisiert: „Ich stand vor der ,Endeavour‘ und muss wie eine Comicfigur ausgesehen haben.“ Im Bauch der Yacht aber sammelte sich Laub, sie war nicht mal mit einer Plane bedeckt. Um sie herum gammelten noch ein paar andere Boote, sonst war hier nichts. Meyer lieferte ihrem Chefredakteur die versprochene Geschichte. Und kam ein paar Monate später wieder. Mit dem Scheckbuch und einem Plan.
Wie viel sie bezahlt hat, verrät sie nicht, viel wird es nicht gewesen sein: Die beiden Männer, denen die „Endeavour“ vor ihr gehört hatte, hatten sie für zehn Pfund gekauft. „Man erwirbt bei dieser Art Projekten nur das Recht, sehr viel Geld zu versenken“, sagt Meyer heute lachend. Sie zog nach England und blieb die nächsten eineinhalb Jahre dort; das Boot war in so schlechtem Zustand, dass sie es nicht transportieren konnte. Meyer ließ zuerst Rumpf, Deck, Kiel und Steuer restaurieren. Dann brachte sie die „Endeavour“ in eine Werft nach Holland. Mast, Baum und Takelage kamen dazu, später Motor und Mechanik, die prächtige Innenausstattung samt Kamin und Kirschholz-Paneelen.
Im Sommer 1989 wurde die „Endeavour“ ein zweites Mal zur See gelassen, nach insgesamt fünf Jahren Arbeit. Meyer segelte sie mit einer 17-köpfigen Crew über den Atlantik, die Fachpresse überbot sich in Superlativen. Und wie schon ein halbes Jahrhundert zuvor wollte sich jeder auf der legendären Yacht sehen lassen. Mal stand Ted Turner am Steuer, mal Teddy Kennedy. Ein weiteres Jahrzehnt später folgte ein historisches Aufeinandertreffen: Bei der Antigua Classic Yacht Regatta traten die drei überlebenden Yachten der J-Klasse gegeneinander an, die „Shamrock V“, die „Velsheda“ und die „Endeavour“. Und diesmal gewann die „Endeavour“.

Mittlerweile gehören die Antigua Classics zu einer Regattaserie namens Panerai Classic Yachts Challenge, der wichtigsten internationalen für historische und klassische Segelschiffe. Längst haben sich andere ein Beispiel genommen an Elizabeth Meyers Rettungstaten, Privatleute wie Firmen. Die Rennserie umfasst inzwischen Regatta-Veranstaltungen wie die Copa del Rey vor Menorca und den Opera House Cup vor Nantucket, in diesem Jahr stoßen die British Classic Yacht Club Cowes Regatta vor der Isle of Wight und die Corinthian Classic and Wooden Boat Regatta vorm amerikanischen Marblehead dazu.

Das Teilnehmerfeld bei der Challenge-Serie ist stetig angewachsen, und dafür sorgt potenziell nun auch der Hauptsponsor: Die italienische Uhrenmanufaktur Panerai hat im Jahr 2006 eine völlig heruntergekommene historische Bermuda-Ketsch erworben. Die 22 Meter lange „Eilean“ wurde aufwändig restauriert und lief Ende letzten Jahres zum zweiten Mal vom Stapel. Das erste Mal war 1936 gewesen, da hatte die schottische Fife-Werft die Yacht fertiggestellt – jene legendäre und längst geschlossene Werft, die 1899 die erste „Shamrock“ für Sir Thomas Lipton baute. Der Brite Lipton, aus dessen Lebensmittelkette später die gleichnamige Teefirma hervorging, trat insgesamt fünfmal zum America‘s Cup an, alle Boote trugen den Namen „Shamrock“, das letzte war Nummer fünf, eben die J-Klassen-Yacht. Lipton verlor jedes Mal.

Elizabeth Meyer verkaufte die „Endeavour“, nachdem sie endlich mal gesiegt hatte in Antigua. Aber nicht deswegen. So eine Yacht kostet jedes Jahr 1,5 Millionen Dollar Unterhalt, das ließ sich selbst mit teuren Chartertouren nicht hereinholen. Nach 17 Jahren trennte sich Meyer von ihrem Traumschiff, der Käufer war ein milliardenschwerer Angeber, der das Schiff als Statussymbol in seinem Portfolio betrachtete. Sie herzugeben sei ihr schwergefallen, natürlich, sagt Meyer, aber einen anderen Weg gab es eben nicht. Sie hat den Verkauf nicht bereut, sagt sie, „auch wenn ich weiß, ich werde nie wieder ein solches Boot finden: Es gibt keines, das es mit ihr aufnehmen kann, nirgendwo auf der Welt.“
Elizabeth Meyer ist nicht reich, auch wenn die Leute in Newport das alle glauben. In den siebziger Jahren hat sie ein vergleichsweise bescheidenes Erbe von 125.000 Dollar gemacht, entscheidend war, wie sie das Geld anlegte: Sie kaufte davon Bauland auf Marthas´s Vineyard, sehr vorausschauend, wie sich Jahre später zeigte. Da bekam sie für ihr Land dann zehn Millionen Dollar. Die hat sie in die „Endeavour“ gesteckt, komplett. Verkauft hat sie das Schiff später für 15 Milionen. Sie leistete sich eine Farm in Massachusetts, spendete eine halbe Million für verschiedene Denkmalschutz-Projekte in Newport, mit dem Rest beglich sie Schulden. Es glaubt ihr keiner. Immer wieder kommen Leute auf sie zu: Wollen Sie einen Rembrandt kaufen? Für eine Million? „Ich habe kein Geld“, sagt sie dann. Hahaha, amüsieren sich die Gesprächspartner. „Ich wohne zur Miete.“ Hahahaha.

Elizabeth Meyer lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in einem zweistöckigen Haus aus dem 18. Jahrhundert, gleich unterhalb der Kirche in Newports Zentrum, umgeben von einem üppig blühenden Garten, den sie täglich pflegt. Das Haus mit den knarzigen Stiegen und den Bruce Chatwins im Regal ist von den Prachtbauten der Bellevue Avenue weit entfernt, auch von den Eitelkeiten und Gerüchten, die die Sommergäste aus Manhattan mitbringen.
Newport, auf drei Seiten vom Ozean umgeben, Heimat der Astors und der Vanderbilts, ist ein Ort, an den es sie durch Zufall verschlagen hat. Anfangs mochte sie es hier nicht besonders. „Ich bin eine Einzelgängerin, ich mache um Menschenmassen einen Bogen.“ Längst kennt sie jeden im kleinen Ort, auch die Milliardäre und die Millionäre, sie geht auch auf deren Parties, wenn sie eingeladen wird, aber es ist nicht wirklich ihre Welt – obwohl sie eigentlich dort hineingeboren wurde.
Ihr Großvater war Eugene Meyer Jr, der erste Präsident der Weltbank, von 1933 bis 1946 gehörte ihm die Washington Post. Die Schwester ihres Vaters ist Katharine Meyer Graham („Tante Ka“), legendäre Eigentümerin und Herausgeberin der Washington Post zur Watergate-Zeit.

Der Reichtum ihrer unmittelbaren Familie aber gehöre ins Reich der Mythen, sagt Meyer. Ihr Vater habe sich früh entschieden, das Erbe der Washington Post nicht anzutreten. Beide Eltern waren Ärzte aus Überzeugung. Elizabeth und ihre drei älteren Geschwister gingen auf eine Quäker-Schule, eine lebenspraktische Religion, die sie geprägt hat: „Sag die Wahrheit, lebe einfach, sprich einfach.“ Eine Schwester ist Psychologin, die andere Linguistin, ihr Bruder ist Musiker.
Sie hatten eine schöne, lustige Kindheit, in einem großen Haus voller Tiere in Baltimore. Wenn es draußen gewitterte, holten die Eltern Badeanzüge, und dann sind sie alle ins Freie gelaufen. Sie haben gezeltet und geangelt, die Mutter hatte ein kleines Segelboot. Viele Freunde der Eltern waren Musiker. Der Vater konnte steppen, die Mutter spielte Flöte und Klavier. Mit den reichen Grahams hatten sie wenig Kontakt.
Beide Eltern starben als sie 65 waren, innerhalb von sechs Monaten. Elizabeth Meyer war damals erst 27 Jahre alt. Drei Jahre zuvor hatte sie sich mit einer Baufirma selbständig gemacht. Ohne Vorkenntnisse – studiert hatte sie englische Literatur, dann hat sie für kurze Zeit ein Restaurant geführt. An der Universität hatte sie einen Architekturkurs belegt, sie kaufte noch zwei Bücher, so ging es los. „Wenn man dreidimensionales Vorstellungsvermögen hat, ist es nicht allzu schwer.“ Über fünfzig Häuser hat sie im laufe der Jahre gebaut.

Sie hat sich immer viel zugetraut. Auch Martha´s Vineyard, wo sie damals lebte, habe dazu beigetragen, sagt sie. Das war einmal eine Walfängerinsel, die Männer blieben jahrelang fort, die Frauen waren es gewohnt, alles allein zu regeln. Einer ihrer ersten Jobs als Bauunternehmerin auf der Insel war ein Haus für Jackie Kennedy – Elizabeth Meyer sagt, sie habe halt die Ausschreibung gewonnen, so einfach sei das gewesen.
Natürlich wusste Jackie Kennedy, wer Meyers Großvater war. Sie haben sich spontan gemocht. Jackie half Elizabeth später, einen Mietvertrag für das Haus zu bekommen, in dem sie bis heute lebt, es gehört der Newport Restoration Foundation und wurde von Doris Duke renoviert. Wenn Meyer über Jackie Kennedy spricht, klingt plötzlich unerwartetes Bedauern durch: „Sie wollte, dass ich ein Buch über die ,Endeavour‘ mache.“ Aber wozu ein Buch?, fragt sie dann und wechselt das Thema.
Sie hat leuchtendblaue Augen, mit denen sie einen fixiert. Hat sie Feinde? „Oh ja“ sagt sie, ohne zu überlegen. Es klingt, als seien es viele und als sei sie stolz darauf. Sie hat die Stadt verklagt und ein paar Immobilieninvestoren gleich mit. Nach einem politischen Amt aber strebte sie nie, „ich bin nicht gern im Rampenlicht, ich schätze meine Privatsphäre.“
Elizabeth Meyer hat sich ihr Leben lang in Männerdomänen gedrängt – sie spricht darüber mit genervtem Amüsement. Kaum ein Mann, sagt sie, habe es ausgehalten, die „Endeavour“ zu sehen, ohne ihr zu sagen, was sie damit tun müsse. Oder sie über technische Details aufzuklären. Es sei wohl eine besondere Art von Penisneid, sagt sie, der 50 Meter lange Mast des Schiffes mache Männer wohl nervös. Immer wieder musste sie sich rechtfertigen, erzählt sie. Oft sei sie gefragt worden, warum sie das viele Geld nicht für Bedürftige verwende hat.

Auch die „Shamrock V“ landete schließlich in Newport, die Lipton Tea Company stiftete sie dem Museum of Yachting in Newport. Meyer nahm sich der Restaurierung an – insgesamt hat sie in den letzten zwei Jahrzehnten über achtzig Boote instandgesetzt. Mitte der neunziger Jahre gründete sie am Hafen die International Yacht Restoration School (IYRS). Dafür wurde sie erst bekämpft, weil Investoren sich für das Gelände interessierten. Heute gehört die Schule zu Newports Aushängeschildern.
„Man versteht doch die Gegenwart nur aus der Vergangenheit heraus,“ sagt Meyer. Restauration sei etwas instinktiv Gutes, es habe mit Empathie und Moral zu tun, ganz gleich, ob man ein zerstörtes Haus oder ein Boot wieder aufbaut: „Man will etwas Verletztes heilen.“

Meyer ist nun 56 Jahre alt. Vor über zwanzig Jahren wurde in ihrem Hirn ein gutartiger Tumor entdeckt. Sie wurde mehrfach operiert, aber die Geschwulst ist nach wie vor da, sie liegt zu nahe am Sehnerv. „Man gewöhnt sich daran,“ sagt sie. Und lebt noch ein bisschen intensiver. Von 2005 bis 2008 ist sie mit ihrem Mann um die Welt gesegelt, mit kurzen Unterbrechungen an Land. 13.000 Meilen auf der „Seminole“, ihrem Boot aus dem Jahr 1916, das einzige, das sie außer der „Bystander“ noch besitzt.
Die „Endeavour“ liegt heute im Fernen Osten, Meyer hat sie seit 2005 nicht mehr gesehen. Außer einmal, als die Yacht anlässlich der Olympischen Spiele von Peking im Rahmenprogramm der Segelwettbewerbe auftauchte. Elizabeth Meyer hat das im Fernsehen gesehen.

Was als Nächstes kommt, weiß sie noch nicht. Von einer Expedition in die Sahara hat sie das Skelett eines Wüstenkrokodils mitgebracht. Bei einem Fest der Universität Chicago lernte sie den Chef der paläontologischen Abteilung kennen. Er lud sie ein, sein Labor zu benutzen. Dort ist sie nun wochenweise – und das, sagt Elizabeth Meyer, sei nun endlich wieder mal ein richtiges Abenteuer.

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